Downsizing von einer La Marzocco GS3 zu einer ZURIGA E2-S

Von Sven Tali

Meine Motivation für diesen Test: Seit gut 20 Jahren beschäftige ich mich mit Kaffee und Siebträgermaschinen. Nach anfänglichen Versuchen mit kleineren Boilermaschinen, inklusive Tuningarbeiten, habe ich gemerkt: Ich will ausprobieren, mit Temperaturen spielen und so auf Entdeckungsreise gehen. Dafür möchte ich eine professionelle Maschine.

«Wer einfach jeden Tag Espressi und Cappuccini in konstant hoher Qualität geniessen möchte, kann die ZURIGA blind kaufen.»

Sven Thali

So fand ich 2009 zur La Marzocco GS3. Die ersten Jahre habe ich Ausflüge unternommen zu sämtlichen Varietäten und Mischungen, die mir in die Hände kamen. Und dabei habe ich viel experimentiert. Wie schmeckt die Bohne bei einer Brühtemperatur von 90 ºC, wie bei 95 ºC? Was passiert, wenn ich den Kaffeepuck vorbrühe? Was geschieht, wenn ich zu kurz oder zu lange extrahiere? Wie verhalten sich sehr frische, wie alte Bohnen?

Unzählige Testläufe haben viel zu meiner Sensorikschulung beigetragen und meine Freude mit jedem Versuch gesteigert. Mit der Zeit habe ich für die Eindrücke Worte gefunden, Ordnung und irgendwann, ein paar Jahre später, meinen Sweet Spot. Er oszilliert um eher dunklere Barmischungen, sehr gerne mit 20–30 % Robusta-Anteil.

Ganz nach dem Prinzip des abnehmenden Grenznutzens ist in den letzten Jahren die Frage gereift, ob ich meinen mittlerweile gefestigten Kaffeeanspruch auch mit einer Maschine befriedigen könnte, welche mir die Vorteile der GS3 bietet, jedoch viel schneller aufgewärmt ist. Ich habe mich unaufgeregt am Markt orientiert und mich entschieden, dieser Frage mit der ZURIGA E2-S nachzugehen und meine Eindrücke in Form einer Geschichte im grössten deutschsprachigen Kaffee-Forum zu publizieren, mit Menschen zu teilen, welche vielleicht ähnliche Gedanken haben.

Die Rahmenbedingungen habe ich mir so gesetzt: Testzeitraum vom 6. Dezember 2025 über die intensiven Feiertage mit vielen Gästen bis hinein in die ersten Januartage 2026. Bei den Bohnen habe ich mich (fast ausschliesslich) auf meine Lieblingsröstungen fokussiert, ergänzt mit einigen reinrassigen Robustas, superfrisch zur Verfügung gestellt von meiner Lieblingsrösterei.

Die Variablen in einem solchen Testing sind naturgemäss vielfältig. Die offensichtlichsten habe ich eliminiert. So habe ich das Mahlgut einheitlich von der ZURIGA G2-GBW-Mühle bezogen. Als Siebe habe ich die La Marzocco X-Filter verwendet, welche zum Glück auch im ZURIGA-Siebträger ganz prima passen.

In der Kennenlernphase der ersten Tage haben wir etwas gefremdelt, die ZURIGA und ich. Dass auch sie grundehrlich ist wie die GS3, war mir sehr schnell klar. Sie kommunizieren, was sie sind. Und das sind sie auch.

Ehrliche, gut gemachte Produkte. Qualität, eher Understatement. Die GS3 ist mit ihrer klassischen Dualboiler-Technologie eine professionelle Barmaschine für den Privathaushalt, das Catering oder die kleinere Bar. 100, 200 oder mehr Bezüge pro Tag sind für sie kein Problem. Die ZURIGA ist eine elegante, temperaturstabile und mit ihrer Dickfilmtechnologie sehr moderne Siebträgermaschine für den Heimbetrieb.

In der Haptik könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Bei der ZURIGA ist alles feiner und filigraner, für ein paar Bezüge pro Tag ausgelegt, elegant, der Holzgriff des Siebträgers ein wahrer Handschmeichler, aber auch viel dünner als der Profigriff der GS3. Der Siebträger der La Marzocco ist rund 50 % schwerer als jener der ZURIGA. Das hat mich zu Beginn irritiert. Ich gehe mit meinen Geräten pfleglich um, dennoch hatte ich immer das Gefühl, ich könnte die ZURIGA beschädigen. Was natürlich nicht passiert ist! Auch nicht bei der superfiligranen Dampflanze mit dem genialen Ausklappmechanismus. Nach ein paar Tagen habe ich mich an die Unterschiede gewöhnt.

Sehr schnell signalisiert die ZURIGA: Ich bin bereit. Nach rund 20 Minuten zischt die GS3 ins Ziel. Nur: Selbst wenn die Maschinen bereit aussehen und dies auch so vermelden, sind die Siebträger noch zu kühl. Was will man über Brühtemperaturen mäkeln, ob diese nun bei 92 ºC oder 93 ºC liegen sollen, solange der Siebträger nicht seine Maximaltemperatur erreicht hat? Das hat einen riesigen Einfluss auf das Resultat in der Tasse und soll nicht unterschätzt werden. Da wären sie wieder, die fast unzähligen Variablen, welche zur Qualität des Getränks beitragen – und doch oft vergessen werden.

Im weiteren Verlauf haben wir uns immer mehr angefreundet, die ZURIGA und ich. Schwer hat sie es mir nicht gemacht, dennoch musste ich lernen, dass eine Heimmaschine mit dieser Technologie einen ziemlich unterschiedlichen Arbeitsablauf fordert: Die Tassen sind nicht automatisch vorgewärmt, da es kaum Abwärme gibt. Gleichzeitiges Extrahieren und Schäumen kann die GS3, die ZURIGA nicht. Nach dem Dampfbezug benötigt die ZURIGA einen Kühlflush – der GS3 ist dieser unbekannt. Diese Anpassungen im Workflow sind nicht weiter schlimm. Lediglich bei der Tassentemperatur muss man sich in der Praxis mit tieferen Werten zufriedengeben. Das ist verkraftbar, vorausgesetzt, man geniesst den Espresso einigermassen zügig. Bei den nicht alltäglichen, grösseren Gästerunden habe ich die Tassen mit kochendem Wasser vorgewärmt, um die Aromen des wertvollen Inhalts zu schützen.

Der Schaum ist ein Traum. Ich erinnere mich gut an diesen ersten WOW-Moment! Nie hätte ich das von dieser kleinen Schönheit erwartet. Dazu muss man wissen: Die ZURIGA arbeitet in der Dampfdüse mit lediglich einer Öffnung. Bei der GS3 sind es deren drei. Ich war skeptisch. Und dann zaubert mir die ZURIGA mit ihrem trockenen Dampfstoss einen mikroporigen Milchschaum ins Kännchen, der einfach nicht zu überbieten ist. Instant-Glück! Der Tag wird gut! Ein Cappuccino, wie er sein muss. Die GS3 liefert mir auch exquisiten Mikroschaum, viel schneller, mehr als doppelt so schnell, was manchmal für den kleinen Pitcher zu rasant sein kann. Schäume ich im 590-ml-Kännchen, schätze ich den Turbospeed der GS3 wiederum sehr. Auf jeden Fall ein ehrfürchtiges Bravo an die ZURIGA-Ingenieure, das hätte ich nicht erwartet, und ich kann nur erahnen, wie viel Tüftelei und Nachtschweiss hinter dieser perfekten Regeltechnik steht.

Die Espressi der beiden Maschinen unterscheiden sich zum Teil kaum merklich. Bei einigen Röstungen produziert die GS3 dann aber doch eine höhere Aromadichte, und ab und zu betonen sie unterschiedliche Aromaanteile – daran pröble ich noch. Ich habe bei der GS3 mit den für die Kaffeemischungen passenden Temperaturen gespielt und festgestellt, dass die Brühtemperatur wenig überraschend zwar einen Einfluss auf die Aromadichte und -verteilung hat, aber weniger als gedacht. Den grösseren Wirkungshebel hat die Pumpentechnologie! Während die Rotationspumpe der GS3 den Nenndruck sofort zur Verfügung stellt, muss die Vibrationspumpe der ZURIGA den Druck zuerst aufbauen. Dies führt zu einer längeren Berührung des Kaffeepucks mit heissem Wasser, welches unter dem Zieldruck liegt. Daraus entsteht eine Art Vorbrüh-Effekt, welcher einen Einfluss auf das Aroma der Extraktion hat.

Während des gesamten Testverlaufs war ich ziemlich emotional, schliesslich arbeite ich seit über 16 Jahren mit meiner GS3 und bin mit diesem Meisterwerk glücklich wie am ersten Tag. Da sind viele liebgewonnene Details: das Blubbern und Zischen während des Aufheizvorgangs, Ventile, die schliessen, der vertraute Griff des Siebträgers, Abläufe, die mit geschlossenen Augen gelingen. Die Möglichkeit der Temperatureinstellung hat mich zu Beginn fasziniert, mich dabei unterstützt, in die verschiedensten Varietäten einzutauchen, zu wandeln zwischen säurebetonten Bohnen und klassischen Espresso-Barmischungen, mit der Zeit den persönlichen Kaffeegeschmack durch viel Versuch und Irrtum auszudifferenzieren. Seit vielen Jahren bin ich an dem Punkt angelangt, an dem mich zu viele Einstellungsmöglichkeiten nicht mehr interessieren. Der Temperaturbereich von 91–94 ºC harmoniert mit den von mir favorisierten Barmischungen. Doch hätte ich diese Sturm-und-Drang-Phase und damit verbunden die Lust am Entdecken, am Scheitern, das Glücksgefühl der perfekten Tasse, mit der GS3 nicht ausleben können – sie würde mir als Grundlage für meine persönliche Sensorikschulung fehlen.

Auf der anderen Seite die ZURIGA. Die Aufregung und Vorfreude auf das Neue, viel Überraschendes, kaum Enttäuschungen. Auch sie hat Emotionen in mir geweckt. Vielleicht haben sich die Emotionen auch die Waage gehalten – hier das Vertraute, dort das Neue? Auf jeden Fall ist es mir gut gelungen, das Resultat in der Tasse objektiv zu beurteilen. Um mich immer wieder zu hinterfragen, hatte ich Helfer an der Seite, welche mit mir degustiert, ihre eigenen Degustationsnotizen verfasst und mit meinen abgeglichen haben.

So bin ich nach einigen hundert Bezügen zu meinem persönlichen Fazit gelangt: Die von mir bevorzugten Varietäten und Mischungen ergeben mit der ZURIGA ein Resultat in der Tasse, welches im «statistischen Durchschnitt» nahe an die Extraktion der GS3 herankommt. Diese Erkenntnis für sich allein würde mir jedoch nicht genügen, einen Wechsel zu rechtfertigen.

Die ZURIGA bringt mit der Dickfilmtechnologie, besser gesagt mit der äusserst präzisen und gelungenen Steuerung der beiden Heizungen, einen Trumpf ins Spiel: Sie ermöglicht mir Spontaneität! Etwas, das die GS3 technologiebedingt nicht kann. Die rund 20 Minuten Aufheizzeit der GS3 haben mir, uns, meinen Gästen schon öfters eine spontane Kaffeefreude verdorben. Wenn ich diesen Vorteil in die Waagschale werfe, gerate ich ins Grübeln: Reichen 90 % Geschmack im normalen Alltag? Oder sind vielleicht 90 % in der bewussten Verkostung 100 % im alltäglichen Konsum? Welche spontanen Kaffeealternativen habe ich, wenn die GS3 nicht bereit ist? Wo stehen diese Alternativen in meiner persönlichen Qualitätseinordnung?

Wenn ich wünschen könnte, hätte die ZURIGA einen gewichtigeren Siebträger, einen grösseren Umfang des Siebträgergriffs und, absoluter Wunsch Nummer 1, eine Rotationspumpe. Einerseits würde sich damit die Aufheizzeit durch den Massezuwachs des Siebträgers minimal verlängern und der Formfaktor wäre vermutlich durch die grössere Pumpe nicht mehr ganz so kompakt möglich. Andererseits würden diese Anpassungen aus einer sehr guten eine hervorragende Maschine machen, welche sämtliche Vorteile auf ihrer Seite hätte.

Wenn ich all meine praktischen, haptischen und sensorischen Eindrücke der letzten Wochen verdichte und in meine Kaffee-Biografie integriere, kann ich die vor einigen Wochen gestellte Kernfrage beantworten: Ist ein Downsizing von einer GS3 auf die ZURIGA möglich und bleibt damit mein Kaffeeglück prall erfüllt?

Meine Antwort ist ein Ja.

Sie bleibt bei mir.

Wer einfach jeden Tag Espressi und Cappuccini in konstant hoher Qualität geniessen möchte, kann die ZURIGA blind kaufen. Wer meine Reise machen möchte, der soll sich zuerst an eine Maschine mit mehr Einstellungsmöglichkeiten wenden. Ich würde übrigens den Erwerb gleich zusammen mit der GBW-Mühle empfehlen, denn diese ist so unglaublich präzise und anmutig … mehr Schwärmerei und Kritik im Forumsbeitrag.

Sven
buchstabler@icloud.com